Aus der Zeitschrift EinSicht Sommer 2009

Lebensgewohnheiten der Kartoffelkäfer

Gallus Zoll

Die Kartoffelkäfer gehören zur Klasse der Insekten. Stamm: Gliedertiere (Arthropoda). Sie gehören zur großen Familie der Blattkäfer (Chryso-melidae), Unterfamilie Chrysomelinae, Gattung Leptinotarsa. Die Familie der Blattkäfer zählt weltweit etwa 25.000 verschiedene Käferarten. Die unverwechselbaren Kartoffelkäfer wurden nach ihrer Lieblingsspeise, den Kartoffeln, benannt.

Die ursprüngliche Heimat dieser Käfer findet sich in den Felsengebirgen Nordamerikas. Dieser kleine unauffällige Käfer ernährte sich von verschiedenen wild wachsenden Nachtschattengewächsen. Von Wissenschaftlern wurde er zum ersten Mal erst im Jahr 1824 in Colorado (USA), in den Tälern des Coloradoflusses, entdeckt. Darum wird er auch Coloradokäfer genannt.

Der Coloradokäfer ist ein Beispiel dafür, wie sich Tiere auf den Menschen einstellen können. Sie passen sich den von der Landwirtschaft veränderten Lebensbedingungen an.

In genetischen Untersuchungen hat man festgestellt, dass es von diesem Käfer zwei Formen gibt. Fütterungsversuche mit Käfern aus Mexiko, die sich an der Büffelklette entwickeln, zeigen, dass etwa ein Drittel der Larven auch Kartoffellaub frisst. Der kartoffellaub fressende Käfer und die mexikanische Stammform unterscheiden sich in nur zwei Erbfaktoren. Dieser kleine Unterschied im Erbgut bewirkt eine größere Toleranz bei der Auswahl der Nahrungspflanzen. Die Kartoffelrasse entwickelt orangerote Larven, die Büffelklettenrasse hellgelbe. Die Kartoffelrasse hat aber eine wesentlich höhere Fruchtbarkeit.

Zusammen mit der Ausweitung des Kartoffelanbaus stellte sich dieser Käfer um 1850 vorwiegend auf diese Bodenfrucht als Nahrung um. Die damals aufkommenden Monokulturen begünstigten ihre Vermehrung explosionsartig. 1874 erreichten diese Käfer die Ostküste Amerikas. Mit ihren Futterpflanzen, den Kartoffeln wurden sie vermutlich drei Jahre später nach Europa eingeschleppt. 1922 wurden sie im Westen Europas entdeckt. In Deutschland wurde der Kartoffelkäfer erstmals 1936 gefunden. Von Europa breitete er sich dann über Russland und Kasachstan fast auf die ganze Welt aus.

Der Kartoffelkäfer (wissenschaftlicher Name: Leptinotarsa decemlineata) wird 6 bis 13 mm lang. Er besitzt sechs Beine und zwei dunkle Endglieder, die Fühlhörner. Mit diesen „riecht“ er. Mit seinen 10 dunkelbraun bis schwarzen Längsstreifen auf seinen hellen, etwas glänzenden, lichtgelben Flügeldecken sieht er recht hübsch aus. Dieses typischen Muster verhalf ihm auch zum zweiten Teil seines lateinischen Namens: Decemlineata bedeutet zehn Linien.

Die Kartoffelkäfer sind unbehaart. Männchen und Weibchen sind äußerlich nur schwer zu unterscheiden. Ihre Körper sind rundlich-oval. Der Halsschild der Kartoffelkäfer, der mehrere dunkle Flecken besitzt, ist gelb-orange. Aber auch auf dem Kopf sowie am Bauch und an den Beinen hat er variabel gemusterte dunkle Flecken. Dieser Käfer ist dadurch unverwechselbar. Mit ihren dünnen Beinchen können die Kartoffelkäfer nicht besonders gut laufen.

Die Kartoffelkäfer leben hauptsächlich auf den Blättern der Kartoffelpflanzen. Im Herbst verkriechen sich die erwachsenen Käfer in kleinen Spalten oder unter Blättern am Boden. Sie können auch bis zu 60 cm tief im Erdreich überwintern. Im Mai krabbeln sie dann wieder aus ihren Verstecken hervor. Sie suchen Kartoffelpflanzen und beginnen sich zu paaren. Sie sind umso aktiver je wärmer der Sommer ist.

Die Weibchen legen dann pro Sommer 700 bis 1200 rotgelbe Eier. (Weil ein Käferweibchen zwei Jahre alt werden kann, legt es bis zu 2500 Eier ab.) Diese werden in kleinen Paketen auf die Unterseite der Kartoffelblätter, (pro Blatt etwa 20 bis 80) platziert.

Bald darauf, d. h. nach 5 bis 12 Tagen, schlüpfen blutrote Larven aus. Auf ihrer Oberseite finden sich zwei Reihen schwarzer Flecken. Im ersten Larvenstadium fressen die Larven noch wenig. Sie häuten sich dreimal. In dieser Zeit wechselt die Farbe langsam auf orange. In den beiden letzten Stadien fressen sie dann enorm viel. Deshalb sind sie nach 17 bis 20 Tagen herangewachsen.

Zur Verpuppung kriechen sie in die Erde zurück. Ungefähr zwei Wochen später schlüpfen die Käfer. Sie bleiben aber noch mindestens eine Woche im Boden. Dann verlassen sie ihre Kinderstube und kommen hervor. Sie sind tagaktiv. Sie machen sich auf den Kartoffelfeldern breit und fressen jetzt unermüdlich zwei Wochen lang. Dann sind sie zur Fortpflanzung bereit. Der ganze Entwicklungszyklus – von der Eiablage bis zum Schlüpfen der jungen Käfer – dauert nur sechs bis sieben Wochen. So kann bereits im Juli eine zweite Generation an Käfern mit der Eiablage beginnen. Ende August folgt dann die dritte Generation!

Wegen dieser starken Vermehrung fürchten ihn die Kartoffelanbauer. Aber auch, weil die Kartoffelkäfer gute Flieger sind. Sie können sich nämlich gut von einem Kartoffelfeld zum nächsten ausbreiten und dabei Flüsse und Seen überqueren. Die Kartoffelkäfer und die Larven fressen den Blattrand an und Löcher in das Laub der Kartoffelstaude. Bei starkem Befall können sie das Laub der Kartoffelpflanzen – teilweise auch Blätter von andern Nachtschattengewächsen – ratzekahl auffressen. Dann sterben die Pflanzen frühzeitig ab. Es können sich keine Kartoffelknollen mehr entwickeln.

In ihrer Heimat Colorado ernährten sich die Coloradokäfer ursprünglich von der Büffelklette (so genannt, weil ihre Samen kleine Häkchen besitzen, mit denen sie am Fell von Tieren haften). Das ist ein Nachtschattengewächs. Damals waren diese Käfer noch harmlos. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich dies. Dann wurden in Nordamerika immer mehr Kartoffeln auf immer größeren Feldern angebaut. Dadurch änderte sich auch das Verhalten der Coloradokäfer. Sie fanden Geschmack an dieser neuen, reichlich vorhandenen Nahrungspflanze. Und seither haben sich die Kartoffelkäfer unaufhaltsam ausgebreitet.

Wenn einmal ein Käfer zu einem Kartoffelfeld gefunden hat, dann gibt die angefressene Pflanze verschiedene Duftstoffe ab. Mit ihren Fühlern nehmen weiter entfernte Kartoffelkäfer diese "Einladung" wahr. Sie kommen geflogen. Das ist dann der Anfang einer Kettenreaktion mit regelmässiger Massenentwicklung.

Die Kartoffelkäfer wurden von der Natur auch mit einem wirkungsvollen Abwehrschild ausgestattet. Ihre auffällige Färbung ist eine Warnung an ihre Fressfeinde: Habt acht! Wir schmecken nicht gut!! In Nordamerika gibt es gleichwohl einige Vögel, die die Kartoffelkäfer und ihre Larven fressen. Diese natürlichen Fressfeinde fehlten aber in Europa. Deshalb stand hier ihrer großen Vermehrung nichts im Weg. In den letzten Jahrzehnten haben jedoch Fasane begonnen diese Käfer als Beute anzunehmen.

Wie schon erwähnt, ernähren sich die Kartoffelkäfer und ihre Larven heute hauptsächlich von den Blättern der Kartoffelpflanzen. Die Knollen lassen sie bleiben.

Gibt es keine Kartoffelpflanzen, dann können sie auch in Gärten und in lockeren Laubmischwäldern gefunden werden. In höheren Lagen ist er nur sehr selten anzutreffen. Dort suchen sie sich andere Pflanzen aus der Familie der Nachtschattengewächse. Zu dieser Pflanzenfamilie gehören neben den Kartoffeln auch Tomaten, Tabakpflanzen, der Bittersüße Nachtschatten oder die bereits genannte Büffelklette. Für das Überleben der Coloradokäfer ist also gesorgt.

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