Aus der Zeitschrift EinSicht Herbst 2003

Auf Du mit den Schnecken

oder Wie Vegetarier mit dem Schneckenproblem im Garten fertig werden

Nachfolgenden Artikel fanden wir im Internet unter www.vegetarismus.ch. Auf Anfrage erlaubte der in der Schweiz lebende Verfasser die Veröffentlichung seiner Ausführungen. Ihm an dieser Stelle ein herzliches Vergelt's Gott.

Unser Garten liegt an einem nördlich ausgerichteten Hang. Von einem östlich gelegenen Steilhang wird zudem die Sonne bis in den späteren Vormittag hinein verdeckt. Bedingungen also, die das Terrain eher für ein Schneckenparadies als für einen Garten prädestinieren. Trotzdem kommen wir Menschen auf die verrückte Idee, hier einen Garten anzulegen und mit Pflanzen zu bestücken, die eigentlich an trockenen Südhängen, in den Tropen, im Mittelmeerraum oder in den Bergen beheimatet sind.

Dass sich hier nicht alle Pflanzen wohl fühlen und gedeihen, versteht sich. Viele serbeln dahin und werden von den Schnecken, welche die Leidenssignale auffangen, verstanden und erlöst.

Andere Pflanzen werden vom Menschen wegen ihres Wohlgeschmacks in den Garten gepflanzt. Wir kaufen Saatgut und Setzlinge und glauben deshalb, ein Anrecht darauf zu haben, diese Pflanzen dereinst auch ernten zu können. Schnecken, die das menschliche Besitzdenken nie studiert haben, und somit nicht zwischen Dein und Mein unterscheiden können, begeben sich nachts auf Nahrungssuche und verzehren, was ihnen unterwegs begegnet, genau so wie sich die Menschen auf ihren Spaziergängen an Wildbeeren, Lindenblüten oder Pilzen gütlich tun. Oder andere, die aus botanischen Gärten oder aus der Natur seltene Pflanzen wie selbstverständlich mitnehmen. Ungefragt, wem sie gehören.

Der Mensch vergisst, dass er es war, der durch die Anlage seines Gartens die Lebensgrundlagen der früheren Bewohner wie Schnecken, Ameisen und vieler anderer Kleinlebewesen arg beschnitten, wenn nicht gar zerstört hat. Er wird auch nicht jene Schnecke, die ihm seinen Setzling im Wert von 20 Rappen gefressen hat, höflich ermahnen, dass dies eigentlich nicht in seinem Sinne sei, sondern er fährt nach der Manier mittelalterlicher Geldherren gleich mit starkem Geschütz auf, um der ganzen Schnecken-Sippe den Krieg zu erklären. Häufigste Waffe: Schneckenkörner, "garantiert unschädlich, werden von Hunden und Igeln gemieden." So steht's wenigstens auf der Packung. Könnten die Schnecken die Packungsdeklaration lesen, so verginge ihnen der Appetit auf Schneckenkörner wie den Menschen die Lust auf genmanipulierte Sojabohnen.

Nun Schnecken kommen im allgemeinen ohne "Warendeklaration" durchs Leben. Ebenso Igel, Kröten und Blindschleichen, die sich völlig unvegetarisch zu einem guten Teil von Schnecken ernähren und deshalb vom Menschen gern gesehen werden. aber bei den Schneckenkörnern wird ihnen ihr Geschmackssinn zum Verhängnis. Den Ersteren, weil sie die Körner verspeisen und den Letzeren, weil sie sich an den vergifteten Schnecken gütlich tun. Des Menschen Salatpflänzchen gedeihen indes prächtig in den Schneckenkörner-geschützten Beeten.

Vom Regen und vom Gießwasser werden allmählich die Wirkstoffe der Körner in den Boden eingeschwemmt und dort von den Salat- und Gemüsepflanzen als Baustoffe aufgenommen. Wenn ich mir dies nun so überlege, beginnt jetzt die ausgleichende Gerechtigkeit zu wirken. Im Laufe der Zeit werden die aufgelösten Schneckenkörner, die vergifteten Schnecken und die schneckenkörnerhaltigen Exkremente der Schneckenvertilger zum Nährboden für das Gemüse, von den Pflanzen aufgenommen und landen schließlich auf des Menschen Teller. Wohl bekomm's. Falls nicht, dienen die Medikamentenhersteller, welche in einer anderen Abteilung die Schneckenkörner produzieren, auch mit einer Arznei gegen o.g. Beschwerden.

Auch weitere Killertipps wie Abbrühen, Entzweischneiden, Bierfallen sind Vegetariern unwürdig. Wo liegt da die Logik, den Tieren zuliebe auf Fleisch zu verzichten und anderseits für einen Salat Tiere zu töten, die nichts anderes wollen als wir: Den Salat verspeisen.

Die Verbreitung aus dem Garten durch Einsammeln und Aussetzen am Waldrand erwies sich ebenfalls als Flop. Die verbleibenden Schnecken sahen sich einem reichen Nahrungsangebot gegenüber, das sie nicht allein bewältigen konnten und produzierten munter Nachkommenschaft. Jedenfalls wurde auch nach jahrelangem Ablesen die Zahl der Schnecken nie kleiner, obschon die Zuwanderung durch Straßen- und Häuserbegrenzung sehr behindert wird.

Nun folgen einige Maßnahmen nicht kooperativer Art, auch wenn dabei Schnecken am Leben bleiben. Aber sie werden in ihrem freien Naturdienst behindert und werden ausgehungert. Diese haben ihre Ursache in einem Nicht-Gönnen. Also unterlassen wir es, sie aufzuzählen.

Ab und zu nehmen auch heute noch die Schnecken etwas, was wir lieber selbst geerntet hätten. Doch die "Schäden" halten sich sehr in Grenzen. die Schnecken holen sich einfach ihren "Zehnten", wie das Steueramt unsere Steuern. Zudem sind Schnecken, wenn sie nicht gerade ihre verunfallten Artgenossen verspeisen, Vegetarier wie wir, also gleichsam unsere Gesinnungsfreunde und Bundesgenossen.

Nur schon deshalb verdienen sie unsere Sympathie. Und wer erst den Schnecken bei ihrem innigen Liebesspiel zugeschaut hat, wird sie künftig mit ganz anderen Augen betrachten.

Fredy Forster


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